Heike Delitz

      
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Dr. Heike Delitz

Otto Friedrich Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II


 

Gefüge, Kollektive und Dispositive. 
Zum »Infrastrukturalismus« der Gesellschaft
*

Im Zuge der recht bedingungslosen Hinwendung zur poststrukturalitischen Theorie haben sich die Kultur- und Sozialwissenschaften auch mit großer Leidenschaft den Phänomenen des Unscharfen, Brüchigen und Ambivalenten gewidmet. In letzter Zeit jedoch lassen sich auch Positionen ausmachen, die sich – an Stelle der Auflösungs-Rhetoriken (Liquid Modernity, Dezentrierung des Subjekts etc.) – erneut den Momenten der Strukturierung und Stabilisierung zuwenden: So etwa in der (von Foucault verfolgten) Dispositivanalyse oder in der Frage der Konstitution von Netzwerken in der ANT. Man interessiert sich dann dafür, wie das Soziale und das Kulturelle etabliert, fixiert, gewartet werden und wie dabei materielle Komponenten diese Prozesse der Homogenisierung, Inklusion, Kristallisation mit konstituieren. Worum es ginge, wären vor allem auch die Infrastrukturen der Gesellschaft: die unterirdischen oder überirdischen Apparate und Maschinen, welche das Soziale verbinden, herstellen, und dies oft auf nicht-symbolische, nämlich unsicht­bare Weise. Die Infrastruktur ist der Testfall jeder kultursoziologischen Theorie, derzufolge es ja das Symbolische ist, in dem sich Gesellschaft herstellt. In Frage stehen die etablierenden, einrichtenden und stabilisierenden Effekte der Artefakte. Damit liegt der Fokus möglicherweise auf den Fundamenten und Zentren soziokultureller Formationen: auf den materiellen Fundamenten, der Materie des Gesellschaftlichen.

Theoretischer Fokus: Gefüge, Ensembles, Dispositive, Strukturen

Gilles Deleuze, Denker der Verflüssigung des Sozialen, hat zugleich Kategorien der Verfestigung und Kristallisation vorgelegt: Konzepte, die um das »Gefüge« (agencement) kreisen. Dieser Begriff könnte für die Sozial- und Kulturwissenschaft neu entdeckt werden: es ist ein Begriff des Prozesses und der Übersetzung jenseits aller Dualismen (Subjekt/Objekt, Individuum/Gesellschaft, Natur/Kultur). Worum es geht, sind die facettenreichen Bewegungen verschiedenster Entitäten oder »socii« zwischen dem scheinbar Verfestigten. Gefüge operieren zwischen der De- und Recodierung, De- und Reterritorialisierung; sie setzen sich aus unterschiedlichsten Phänomenen zusammen, den Diskursen, Affekten, Perzeptionen, Bewegungen verschiedenster Körper. Sie haben etwas Etablierendes. In der Verbindung der unterschiedlichsten socii entsteht zugleich Unvorhergesehenes im Sozialen. Relativ ist das Starre und Geordnete, aber ebenso relativ ist eben auch die Bewegung.

Das Gefüge-Konzept beruft sich seinerseits auf weitere Konzepte, die für sich spannend genug sind: auf Simondon, Leroi-Gourhan, Dupréel: französische Philosophen, Ethnologen-Archäologen und Soziologen. Man kann es in andere Begriffskonzepte übersetzen, jenseits der zuweilen idiosynkratischen Ausdrucksweise von Gilles & Félix transformieren, zugänglich machen, anreichern oder transferieren. Indem Gefüge (aber auch Ensembles, Dispositive, Diagramme, Konsolidierungen oder auch das teukein von Castoriadis) quer zu den allzu oft getrennten Ebenen der sozialen Wirklichkeit liegen, bringen sie disziplinäre und theoretische Grenzen ins Schwimmen. Sie rütteln auch an den doxa soziologischer Selbstverständnisse: etwa an der Überzeugung, dass ›Soziales nur durch Soziales zu erklären‹ sei, wie Durkheim formulierte – der selbst immerhin die Perspektive der Sozialen Morphologie begründete. Theoretisch ist diese Perspektive vielleicht jetzt ausschöpfbar. Indem Gefüge immer auf die Komposition von Subjekten ausgerichtet sind, welche sie hervorbringen, werden in Ihrer Analyse auch politische und ethische Probleme wie Fragen der Exklusion aufgeworfen.

Worum es nun geht, ist nicht zuletzt, jenen ›zu groß geratenen‹ Begriff neu durchzubuchstabieren, der einmal einen zentralen Fluchtpunkt des soziologischen Theoretisierens bildet(e), und dies äußerst kreativ: die Struktur (im Begriff des Infrastrukturalismus 1). Nur allzu oft haben sich damit starke Annahmen des Determinismus eingeschlichen sowie vor allem eben solche, die dem Materiellen, den Artefakten gegenüber dem Symbolischen keinen eigenen Platz ließen. Natürlich ist er bereits abgelöst worden – in allen Post- und Neostrukturalismen. Bei Lévi-Strauss selbst wäre es aber eine Überlegung wert, ob er nicht selbst bereits vielfältiger ist, reichhaltiger: Materielles einbeziehend.

Thematischer Fokus: Infrastrukturalismus

Es geht also um Gefüge oder auch um Strukturen. Obgleich die geplante Werkstatt vor allem theoretische Arbeit verrichten will, ist man damit natürlich bei der Frage des Inhaltlichen: um welche Gefüge geht es? Wir schlagen vor, nun (in zwangloser Fortsetzung des ersten Workshops vom Juli 2009) größere Artefakte, in den Blick zu nehmen, nämlich die (materiell zu verstehenden) technischen und artefaktischen Infrastrukturen – die für das Funktionieren artifizieller Gesellschaften unerlässlich sind und es immer schon waren (man denke an die Aquädukte des römischen Imperiums), aber oft im Hintergrund des Denkens über die Vergesellschaftung und die Gesellschaftstypisierung blieben. Das Gefüge-ect.-Konzept erlaubt, so steht zu vermuten, die Sozialität stiftende, etablierende, stabilisierende Funktion der ‚großen‘ Artefakte zu berücksichtigen; und diese in die Netze von Praktiken und Diskursen sowie deren Subjekt- und Sozialformungen einzubeziehen. Damit lassen sich auch Strategien und Taktiken sowie die Territorien, die solche infrastrukturellen Gefüge-etc. etablieren, in den Blick nehmen. 

Oft sind es gerade die unsichtbar gemachten Dinge der unterirdischen und unterseeischen Infrastrukturen, die namentlich für urbane oder »artifizielle«Gesellschaften (Heinrich Popitz) ganz unerläßlich sind - im Vergleich etwa zu den nomadischen Gesellschaften: ein Unterschied, der eine Gesellschaftstypologie erlaubt und der in der Gefüge-Analyse von Deleuze und Guattari offensichtlich eine große Rolle spielt. Die Infrastrukturen bilden gleichsam die »Hintergrundserfüllung« (Arnold Gehlen): sie sind es, in denen sich namentlich 'unsere', also die urbanen Gesellschaften fixieren - in denen sich sich auf eine ganz bestimmte Weise einrichten, während andere Gesellschaftsformen andere Grade und Intensitäten der materiell-sozialen Einrichtung besitzen. 

Die infrastrukturierende Materie der Gesellschaft: das sind dann - in den urbanen oder den infrastrukturierten Gesellschaften - die Tiefbauarchitekturen (Autobahnen, U-Bahnen usw.) ebenso wie die Kommunikations-Infrastrukturen; die Servernetze und ‑knoten verschiedenster Daten- und Energieströme usw…. 

In den Gesellschaftstheorien und Typologien, die sich vor diesem Hintergrund erarbeiten lassen, sind historische Vergleiche und Genealogien der technischen Ensmbles aufschlussreich: wie war das noch einmal mit der pneumatischen Post? Und was gab es in prähistorischen Gesellschaften für Infrastrukturen, in Gefüge- resp. Artefakt-soziologischer Hinsicht?

 
Form: Theorien-Werkstatt

Die Werkstatt ist konzipiert als zwang- und formlose und umso intensivere Theorien-Werkstatt: wir werkeln an Theorien der (großen) Artefakte oder eben der Gefüge, Kollektive etc., wobei die disziplinären Grenzen nicht eng gezogen werden. Gemeinsam wollen wir erarbeiten, wie Theoreme der Gefüge und verwandter Begriffe für sozial-/kulturwissenschaftliche Analysen fruchtbar werden können. 


* [Infrastructuralisme] "Infrastructuralism" ist ein Neologismus, der kürzlich auch in der Lévi-Strauss-Hommage von Marshal Sahlins [critical inquiry Vol 36, 3 (2010), 371-385] auftauchte - in der Anwendung des Strukturalismus auf die marxsche Basis. 

Hier der Link: http://criticalinquiry.uchicago.edu/36n3/36n3_sahlins.html

Siehe zur Differenz: 

[1] Wir sind uns bewusst, dass im Französischen und auch bei Lévi-Strauss die marxsche ‚Basis‘ mit infrastructure (vs. superstructure) übersetzt wird (und LS die Ordnung gerade umkehrt: Das Wilde Denken, frz. 173/dt. 154f.). Den Begriff muss man also neu akzentuieren: das ist der Plan.

Die Grafik oben bezieht sich übrigens auf den "totemistischen Operator", den man im Wilden Denken finden kann.

 


 © cms

18./19. März 2011, Berlin
im Geodätenstand auf dem Dach der TU

  Programm


Freitag, 18. März 2011:
 
Heike Delitz & Stefan Höhne: Begrüßung

Stefan Höhne: 
Woran erkennt man den  Infrastrukturalismus?

Heike Delitz:
Nomadische und urbane – infrastrukturierte – Gesellschaften (mit Simondon)

Michael Cuntz:
Infrastruktur der Erfindung (Simondon)

Marc Rölli:
Kollektive Gefüge  – philosophische Überlegungen zu einer infrastrukturalistischen Machttheorie

Jörg Brauns: 
Infrastrukturen – An der Grenze der Systemtheorie

Adrian Beutler:
Stabilisierung und  Offenheit: Infrastrukturen als Konstellationen strukturierter Kontingenz 


Samstag, 19. März 2011:
 
Christoph Engemann: 
Follow the Infrastructure:  Die Bundesdruckerei, das Geld und seine Träger

René Umlauf & Christian Müller:
 „Ein Haus soll sein wie ein Auto“ 
ein Dialog über Infrastruktur als Übung
 
Cornelius Schubert:
Der Pulsschlag des Technikdeterminismus.
Von den gefügigen Strukturen, die unser Leben bestimmen

 
Christian Driesen:
Infra – Sub – Prä. Ansätze zu einem abstrakten Strukturalismus

Nathalie Bredella & Chris Dähne:
Das Dispositiv  der Straßen und Highways
Christoph Eggersglüß:
Anarchitecture: Infrastrukturen erkennen und freilegen

 
Abschlussüberlegungen 











Kontakt:

Heike Delitz
Universität Bamberg
Lehrstuhl Soziologie II
Heike.Delitz [at] uni-bamberg.de

Stefan Höhne
Center for Metropolitan Studies
TU Berlin
stefan.hoehne [at] metropolitanstudies.de




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