Heike Delitz

      
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Dr. Heike Delitz

Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II
 

Französische Philosophie & Soziologie: Bergson und Durkheim

Blockseminar Universität Bamberg, SoSe 2010, zusammen mit Prof. Dr. Christian Illies und
Prof. Dr. Matthew Maguire, Kenyon College, USA.
Seminar im Hauptstudium für Soziologie - und Philosophiestudierende


»Von der Gesellschaft hängt die Moral ab, nicht vom Ich.«

»Wenn man vielleicht auch bestreiten kann, daß die sozialen
Phänomene ausnahmslos dem Individuum sich von außen
her aufdrängen, so scheint ein solcher Zweifel ausge-
schlossen hinsichtlich der Glaubensinhalte und religiösen
Gebräuche, der Regeln der Moral oder der zahlreichen
Rechtsvorschriften, das heißt hinsichtlich der charakteristischen
Erscheinungen des kollektvien Lebens. Sie alle sind aus-
drücklich obligatorischer Art; die Obligation aber
ist der Beweis dafür, daß diese Arten des Handelns
und Denkens nicht das Werk Einzelner sind, sondern
von einer Kraft ausgehen, die über ihn hinausreicht.«

»Eine Gesellschaft ist ein mächtiger Herd intellektueller und
geistiger Tätigkeit, der weithin ausstrahlt.« (Émile Durkheim)

»Die Gesellschaft, die jedem ihrer Glieder immanent ist,

stellt Forderungen, von denen jede, ob groß oder klein,

gleichwohl die Ganzheit ihrer Vitalität ausdrückt. Aber
wir müssen wiederholen, daß auch dies noch ein
bloßer
Vergleich ist. Eine menschliche Gesellschaft ist
eine
Gesamtheit freier Wesen. Die Verpflichtungen, die
sie
auferlegt und die es ihr ermöglichen zu bestehen,
verleihen
ihr eine Regelmäßigkeit, die mit der unbeug
samen Ordnung
der Lebensphänomene nur eine gewisse
Ähnlichkeit hat.
« 

»Von unserem Standpunkt aus erscheint das gesamte Leben
als eine ungeheure, von einem Zentrum her sich ausbrei-
tende Woge, die fast auf ihrem ganzen Umkreis zum
Stillstand kommt und sich in Pendelbewegungen an der
Stelle umsetzt: einzig an einem Punkt ist das Hemmnis
besiegt worden, ist der Impuls frei ausgeströmt. Und diese
Freiheit ist es, die die Form: Mensch bezeichnet.« (Henri Bergson)



Thema des Seminars sind die beiden großen französischen Autoren im Umbruch vom 19. ins 20. Jahrhundert: der eine Begründer der französischen Soziologie, der andere Begründer einer neuen Philosophie, gegen die sich der erste - Émile Durkheim - indirekt und implizit mit seiner neuen Wissenschaft 'wehrt'. Henri Bergson seinerseits ist von einer frühen begeisterten Rezeption getroffen, die seine Philosophie, so Merleau-Ponty, "entstellt": wogegen sich Durkheim wehrt, ist also mindestens ebenso sehr der frühe Bergsonismus wie Bergson selbst. Durkheim ist - gemeinsam mit der Gruppe um die Année Sociologique - nicht nur der entscheidende französische Soziologe; er ist auch ein Philosoph. Und umgekehrt ist Bergson nicht nur der große französische Philosoph; er ist - in seinem letzten Werk 1932 - auch Soziologe oder doch ein sozialtheoretischer Denker, mit einer Theorie zweier Gesellschaftsformen, die etwa Claude Lévi-Strauss beeindruckt. Beide Großautoren werden im Seminar parallel und nicht zuletzt in ihrer gegenseitigen Aversion, ihrer Nicht-Referenz gelesen: sie erhellen sich beide zu einem guten Teil so möglicherweise wechselseitig. Es geht um einen bemerkenswerten Moment im französischen Denken, aus dem einige seiner weiteren bemerkenswerten Entwicklungen (zum Strukturalismus einerseits, zum Existentialismus und zur Phänomenologie andererseits) folgen.
Durkheim ist derjenige, der alles soziologisiert: Moral, Erkenntnis, Religion sind nun - diesem Anspruch nach - Gegenstände auch der Soziologie, nicht mehr nur der Philosophie. Und Bergson gibt einerseits die Erkenntnistheorie vor, die Durkheim soziologisiert; und andererseits versucht er in seinem späten Werk, den soziozentrischen Erklärungen eine eigene Theorie von Moral, Religion, Gesellschaft entgegenzusetzen - was bleibt also von der Philosophie, könnte die Frage angesichts der Soziologisierung auch lauten - eine Soziologisierung, die ja parallel, auf andere Weise, auch von Nietzsche vorangetrieben und von Michel Foucault wieder aufgenommen wird (die Genealogie der Moral und des Wissens).


Primärliteratur

Henri Bergson (1889/1994). Zeit und Freiheit. eine Abhandlung über die unmittelbaren Bewußtseinstatsachen. Hamburg [ZF]

- (1896/1991). Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Hamburg, Meiner [MG]

- (1907/1912). Schöpferische Entwicklung. Jena [SE]

- (1932/1992). Die beiden Quellen der Moral und der Religion, Frankfurt/M. [BQ]

- (1930/1947). Das Mögliche und das Wirkliche, in: Denken und Schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge. Meisenheim, 110-125 [MW]

Émile Durkheim (1892/1965). Die Regeln der soziologischen Methode, Neuwied [Regeln]

- (1893/1988). Über soziale Arbeitsteilung: Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. [AT]

- (1912/1994). Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. [EF]

Daraus im Seminar zu lesende Texte:

Durkheim, Die soziologische Erklärung [Regeln 105-114, 193-204, 218-222]

Bergson, Erkenntnistheorie entlang der »Aufmerksamkeit auf das Leben« [MG 1-23]

Bergson, Die ›recht verstandene‹ Zeit [durée] [ZF 75-88; SE 8-14]

Durkheim, Sinn und Grundidee der (Religions‑)Soziologie, die Zeitfrage [EF 17-42]

Bergson, Kritik an der impliziten antiken Metaphysik in unserem Denken [SE 50-61, 68-82, 100-103]

Durkheim, Soziologie der Religion; Sich-Identifizieren mit dem Tier [EF 178-187, 285-314]

Bergson, Phil. Anthropologie: Differenz von Pflanze/Tier/Mensch [SE 104f., 111-121, 137-140, 144ff.]

Durkheim, Soziologie des Wissens und der Kategorien [EF 488-497, 577-597]

Bergson, Moral- und Religionstheorie [BQ 80-103, 108ff., 207-213, 228f.]

Durkheim, Soziologie der Moral [EF 283-288; AT 76-82]

Bergson, Kritik an Scheinproblemen [MW] 


Tips zu Sekundärliteratur resp. anschließender Literatur 

Zur Einführung für Philosophiestudierende in die soziologische Perspektive insgesamt: Wolfgang Eßbach, Studium Soziologie, München 1996, v.a. Kap. III: Drei Soziologien (132-163)

zu Durkheim:

Besnard, P., Ed. The sociological domain: The Durkheimians and the founding of French sociology. Cambridge 1983

Firsching, H., Moral und Gesellschaft. Zur Soziologisierung des ethischen Diskurses in der Moderne, Frankfurt/M. 1994
Habermas, J., Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1981, Kap. V
Joas, H., Die Kreativität des Handelns, Frankfurt/M. 1992, 76ff. (Das Problem der Entstehung neuer Moral als Leitfaden durch Durkheims Werk)
Joas, H., Durkheim und der Pragmatismus. Bewußtseinspsychologie und die soziale Konstitution der Kategorien, in: E. Durkheim, Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. Hg. von
H. Joas, Frankfurt/M. 1993, 257-287.

König, R., Émile Durkheim. Der Soziologe als Moralist, in: D. Käsler (Hg.), Klassiker des soziologischen Denkens, Bd. 1. München 1976,
312-364
König, R., Emile Durkheim zur Diskussion. Jenseits von Dogmatismus und Skepsis, München 1978 (Aufsatzsammlung)
Luhmann, N., Arbeitsteilung und Moral: Durkheims Theorie. Einleitung in: E. Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M.
1992 [1977], 19-40
Lukes, S., Emile Durkheim. His Life and Work. A Historical and Critical Study. Standford 1985 [1973]

Müller, H.-P., Emile Durkheim (1858-1917), in Kaesler, Dirk (ed.): Klassiker der Soziologie. Bd. 1. München 2003, 150-170
Münch, R., Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber, Frankfurt/M. 1982
Schmaus, W., Durkheim's Philosophy of Science and the Sociology of Knowledge: Creating an Intellectual Niche. Chicago 1994
Turner, S. T. (Hg), Émile Durkheim. Sociologist and moralist, London 1993

Von Presses Universitaires de France darüber hinaus empfohlene Sekundärliteratur:

Alpert H., Émile Durkheim and his Sociology, New York, Columbia Univ.
Press, 1939.
B
esnard Ph., L’Anomie, Paris, puf, 1987
Études durkheimiennes,
Genève, Droz, 2003
B
esnard Ph., Borlandi M., Vogt P. (éd.), Division du travail et lien social. La thèse de Durkheim un siècle après, Paris, puf, 1993.
B
orlandi M., Mucchielli L. (éd.), La Sociologie et sa méthode : les Règles de Durkheim un siècle après, Paris, L’Harmattan
B
oudon R., La Logique du social, Paris, Hachette, 1979.
C
herkaoui M., Naissance d’une science sociale. La sociologie selon Durkheim, Genève, Droz, 1998.
C
uin C.-H. (éd.), Durkheim d’un siècle à l’autre. Lectures actuelles des Règles de la méthode sociologique, Paris, puf, 1997.
L
aCapra D., Émile Durkheim, sociologist and philosopher, Ithaca-Londres, Cornell Univ. Press, 1972.
Borlandi M., Cherkaoui M. (éd.), Le Suicide un siècle après Durkheim, Paris, puf, 2000. 
Parsons T., The Structure of Social Action, New York, McGraw-Hill, 1937.
Pickering W. S. F., Durkheim’s Sociology of Religion, Londres, Routledge, 1984.
Steiner Ph., La Sociologie de Durkheim, Paris, La Découverte, 1998


zu Bergson:

Deleuze, G., Bergson zur Einführung. Hamburg 1989 [1966]
Merleau-Ponty, M., Bergson im Werden. In: Ders., Zeichen, Hamburg 2007 [1959]
Oger, E., Einführung, in H. Bergson, Materie und Gedächtnis, Hamburg 1991
speziell zum Begriff des Möglichen: Vollet, M., Die Wurzel unserer Wirklichkeit: Problem und Begriff des Möglichen bei Henri Bergson, Freiburg 2007

Ebenfalls auf der Seite von Puf: weitere, nahezu ausschließlich französischsprachige Sekundärliteratur und ein Einführungsartikel von F. Worms: http://www.puf.com/wiki/Auteur:Henri_Bergson

Empfehlbar hier vor allem die Einleitungen und Nachworte der kritischen Ausgabe (Paris: Puf, 2007-2011: "Le choc Bergson");
die Beiträge in den Annales bergsoniennes (Paris: Puf, seit 2002) sowie
Frédéric Worms: Le vocabulaire de Bergson, Paris 2000