Heike Delitz

      
Lehre
Publikationen
Projekte
Vita
Kontakt

PD Dr. Heike Delitz

Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II
 

»Bergson-Effekte« im französischen soziologischen Denken. 
Aversionen, Faszinationen und ein Paradigma soziologischer Theorie
  

Forschungsprojekt im Fach Soziologie an der Universität Bamberg (Soziologische Theorie und Theoriegeschichte, Gesellschaftstheorie). Gefördert von der Universität Bamberg (2009) und der »Bayerischen Eliteförderung« (2010-2012). Als Habilitationsschrift an der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bamberg angenommen im Januar 2013 (Venia legendi: Soziologie).

Buchfassung:

Bergson-Effekte. Aversionen und Attraktionen im französischen soziologischen Denken
Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 5.1.2015

Welche Spuren hat Henri Bergson im französischen soziologischen Denken hinterlassen, was sind die sozial- und gesellschaftstheoretischen Effekte jenes Autors, dessen Bedeutung für das französische Denken generell kaum zu überschätzen ist?

Die – oft impliziten, zuweilen auch absichtlich verdeckten – Bergson-Effekte im französischen soziologischen Denken werden entlang zweier konträrer Spuren aufgedeckt: Einerseits in den Aversionen gegen das (zunächst schlecht verstandene) bergsonsche Denken. Diese Aversionen waren konstitutiv, in ihnen hat sich thematisch und methodologisch die Bildung der französischen Soziologie ereignet. Andererseits werden die Attraktionen, die produktiven Übernahmen von Bergsons Denken in soziologischen Konzepten verfolgt, bei Autoren wie Gilles Deleuze, Cornelius Castoriadis, Gilbert Simondon oder Georges Canguilhem. Dabei erweist sich auch Bergsons Werk selbst als eines, das nicht nur philosophisch, sondern auch soziologisch neue Denkweisen bietet.

Dieses Buch öffnet ein bislang ungeschriebenes Kapitel der Soziologiegeschichte – und ein neues Register soziologischer Theorie. Es entfaltet im Durchgang durch die bergsonianischen Werke ein diskretes Paradigma: eine lebenssoziologische Denkweise. Diese verbindet eine singuläre Theorie der Differenz (als Differentiation, permanentes Anders-Werden) mit einer singulären Perspektive der Immanenz (Körper, Artefakte, Materialität, Affekte und Diskurse, Imaginäres und Symbolisches in ihren Verschränkungen und Eigenlogiken denkend). Sichtbar wird ein Neuer Vitalismus, der das Leben als Subjekt und Objekt des Denkens anerkennt. Wie Bergson sagte, liegt ‚auf dem Grund des Sozialen‘ das Vitale; und daher ist es ‚stets der Aufenthalt, der eine soziologische Erklärung verlangt, und nicht die Bewegung‘.


524 S., 22,2 x 14,0 cm, gebunden
ISBN: 978-3-95832-043-7, Preis D: 49,90 €, CH: 66,90 CHF, A: 51,30 €

 Download:

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

 Projektbeschreibung:


Gegenstand ist die Sichtbarmachung eines bestimmten soziologischen oder gesellschaftstheoretischen Denkens in der französischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts: jener Denktradition, die sich aus der – bahnbrechenden – Philosophie Henri Bergsons erklärt, einer »allgemeinen Philosophie der Differenz« (Gilles Deleuze). Das Projekt hat vier Teile:

1) geht es um die Aversionen gegen Bergson in der »französischen Schule der Soziologie«: bei den Durkheimiens. Die These ist, dass die Wendung gegen diese Philosophie – die man seither nicht nur in der Soziologie allzuschnell als ›Irrationalismus‹, ›Metaphysik‹ oder ›Psychologismus‹ abtut – disziplinbildend war: sie erlaubte der Durkheimschen Soziologie, sich in eine bestimmte Richtung abzustoßen, nämlich in die einer positiven‹ und nicht psychologischen Wissenschaft. Dabei ist die Abstoßung von weiteren Autoren – namentlich von Tarde – einzurechnen (ein ›Durkheim-Werden‹ im Dreieck Bergson-Tarde-Durkheim). Die Aversion verhindert nicht, dass von Durkheim und seinen Kollegen durchaus Bergsonsche Themen verfolgt werden: etwa die Frage der Zeit und des Gedächtnisses. Eine zweite Abstoßung findet seit den 1920ern statt, im frühen französischen Marxismus.

2) wird Bergsons Werk skizziert, um es von den vielfältigen Vorurteilen zu befreien. Der Kerneinfall dieser Philosophie ist, das ›Werden‹ an die Stelle des ‚Seins‹ zu setzen, in tiefer Auseinandersetzung mit der klassischen Philosophie. An der Stelle der Identitätsphilosophie steht die Philosophie der Differenz: das permanente und unvorhersehbare Anders-Werden, die Differentiation oder Individualisation, und dies in allen Wirklichkeitsbereichen, vor allem im Lebendigen und noch einmal gesteigert im Sozialen. Diese Denkweise hat Bergson selbst im letzten Werk – seinem »livre de sociologie«, wie er sagt – zu einer Gesellschaftstheorie entfaltet, ansetzend an der (idealtypischen) Differenz ›geschlossener‹ und ›offener‹ Sozialitäten: von Gesellschaften, die sich gegen das Neue verwahren, oder aber es gezielt nutzen.

3) Im Kern des Projektes stehen die nicht unkritischen und oft verdeckten Übernahmen dieses Denkens in soziologischen Theorien, die aus den genannten historischen Gründen jenseits der Fachdisziplin zu suchen sind. Es gibt einerseits Teilübernahmen (u.a. bei Lévi-Strauss). Zweitens und v.a. gibt es Fortführungen dieser spezifischen Denkweise in gesellschaftstheoretischer Hinsicht. Hier sind Gilles Deleuze und Cornelius Castoriadis die bekanntesten Autoren. Zu entdecken sind über sie hinaus weitere Denker, die z.T. in Frankreich aktuell eine Renaissance erfahren, wie Gilbert Simondon, Eugène Dupréel, André Leroi-Gourhan, Maurice Hauriou, Jean Przyluski. Und es gibt drittens indirekte ›Bergson-Effekte‹, vermittelt über Hyppolite, Merleau-Ponty, Bachelard und Canguilhem, auf die weitere französische Theorieentwicklung  sofern sie von der ›historischen Epistemologie‹ beeindruckt ist.

4) Das Projekt fügt der Soziologiegeschichte ein Kapitel hinzu – und ebenso der soziologischen Theorie. In den Übernahmen gibt es, so die These, eine gemeinsame Denkbewegung, ein Paradigma, das sich, verkürzt gesagt, durch das Denken der temporalen Dynamik, des permanenten, nicht kalkulierbaren Anders-Werdens auszeichnet – sowie aller gegenläufigen Strategien, die Kollektive ihrer Existenz wegen erfinden (man denke an Lévi-Strauss' Unterscheidung der »kalten« und »heißen« Gesellschaften, die in Bergsons 'Deux Sources de la Morale et de la Religion' einen direkten Vorgänger hat; oder an Castoriadis' These einer notwendigen Verleugnung der Zeit in der »imaginären Institution« der Gesellschaft). Zweitens handelt es sich um eine immanenzontologische Denkweise, in der das Soziale von seinen Artefakten und den organischen Körpern nicht getrennt wird (v.a. entwickelt bei Leroi-Gourhan, Simondon, Deleuze). Drittens ist es (im Ausgangspunkt, der temporalen Dimenson, dem unvorhersehbaren und permanenten Anders-Werden) ein recht zu verstehendes ›vitalistisches‹ Denken: berücksichtigt wird, dass der Mensch ein Lebewesen ist. Es handelt sich etwa auch bei den wissenschaftlichen Konzepten stets – wie diesen Autoren bewusst ist – um ein »Denken des Lebens durch das Leben selbst« (so Canguilhem). Es stehen daher möglichst alle Aspekte des sozialen Lebens im Blick: die affektiven (v.a. bei Simondon, Deleuze), imaginären, symbolischen (bei Castoriadis), rituellen (bei Przyluski, Pradines, Dupréel).

 
Weitere Theoriearbeiten und Forschungsprojekte in diesem Zusammenhang: 

Gesellschaftsvergleich: Einerseits wird die Besonderheit der frühen französischen soziologischen Theorie (bei den Durkheimiens wie Bergsoniens) aufgegriffen, nämlich die methodische Verknüpfung von Soziologie, Ethnologie und Ethno-Archäologie in einer allgemeinen Gesellschaftstheorie und einer kulturen- oder gesellschaftsvergleichenden Forschung. Dieser Kulturen- oder Gesellschaftsvergleich (immer auch mit dem Ziel, die eigene moderne Gesellschaft im Kontrast besser zu analysieren) erhält dabei im neu anzuwendenden Bergsonismus eine spezifische Pointe, nämlich diejenige, in allen Kulturen/Gesellschaften durchweg positive Einrichtungen des Sozialen anzunehmen, positive Entscheidungen, statt einen Mangel vorauszusetzen, etwas, was 'noch nicht' oder 'nicht' existiere. 

Siehe dazu: Émile Durkheim – Sociology and Ethnology, Internationale Tagung, Humboldt-Universität Berlin, Juni 2010, mit Tanja Bogusz
H. Delitz, mit T. Bogusz (als Hg.): Émile Durkheim – Soziologie, Philosophie, Ethnologie, Frankfurt/New York: Campus 2013
H. Delitz: Émile Durkheim zur Einführung. Hamburg: Junius 2013
H. Delitz, Besprechungsessay von Philippe Descola, Jenseits von Natur und Kultur, Sociologia Internationalis 2014
H. Delitz, Gesellschaften der Städte, Gesellschaften der Zelte. Architekturen und Infrastrukturen im Vergleich der Kulturen und Epochen (interdisziplinäres und internationales Forschungsprojekt zu Gesellschaftsvergleich und Gesellschaftsanalyse, in Vorbereitung; Teilprojekt als Senior Fellow im WS 2014/15 am IKKM Weimar)

Artefakte, Infrastrukturen, Materialitäten des Sozialen: Der Bergsonismus erlaubt die Weiterführung der Berücksichtigung der Artefakte und Materialitäten in der soziologischen Theorie. Wegen seiner immanenzontologischen Sicht ist er von Grund auf soziologisch aufmerksam für Körper, Materialitäten, Artefakte und Affekte.  

Siehe dazu: Gesellschaften der Städte, Gesellschaften der Zelte. Architekturen und Infrastrukturen im Vergleich der Kulturen und Epochen (interdisziplinäres und internationales Forschungsprojekt zu Gesellschaftsvergleich und Gesellschaftsanalyse, in Vorbereitung, Teilprojekt als Senior Fellow im WS 2014/15 am IKKM Weimar)
Artefakt Theorien. Juli 2009, und Artefakt Theorien II. Gefüge, Kollektive, Dispositive, März 2011 (mit Stefan Höhne organisierte Theorien-Workshops an der TU Berlin)
Infrastrukturalismus (Buch-Projekt mit Stefan Höhne, in Vorbereitung)

Soziale Erfindungen: Im Bergsonismus wird eine soziologische Theorieperspektive sichtbar, die ihren Augernmerk in der Gesellschaftsanalyse stets auf das Neue richtet - auf die Institutionen oder/und Artefakte als soziale Erfindungen, die als solche nicht determiniert sind, nicht notwendig, sondern emergent, eine Eigendynamik aufweisen. In dieser (wie auch der vorgenannten) Hinsicht verbindet diese 'lebenssoziologische' Theorietradition viel mit der Institutionentheorie Arnold Gehlens und insgesamt mit der Philosophischen Anthropologie.


Soziologie der Zeit und des Werdens (statt der Ordnung) - alternative Bezugsprobleme soziologischer Theorie: Der Bergsonismus geht vom Anders-Werden als dem grundlegenden Charakter der sozialen Realität aus - was zu erklären ist, ist nicht der Wandel, sondern der Aufenthalt, die Fixierung, die Institution der Kollektive. Statt des statischen, oppositionellen Paars soziale Ordnung / soziale Unordnung (z.B. bei Luhmann, aber auch Durkheim in der Frage, wie soziale Ordnung möglich sei, statt Unordnung) steht das dynamische, ineinander verschränkte Paar des sozialen Werdens und der gesellschaftlichen Instituierung. Sichtbar wird damit eine alternative Leitfrage oder ein alternatives 'Bezugsproblem' der soziologischen Theorie.