Heike Delitz

      
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PD Dr. Heike Delitz

Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II
 

Zwischen 'sozialer Ordnung' und 'sozialem Werden'. Bezugsprobleme soziologischer Theorie

Universität Bamberg, Lehrstuhl Soziologische Theorie, Wintersemester 2014/2015
. Modul: Gesellschaftstheorie. Ausgewählte Probleme

Programm

Ein "adäquates Verständnis einer Theorie [setzt] Kenntnis der sie leitenden Problemstellung voraus", nämlich das Problem der soziologischen Theorie, "Sachverhalte" auf die "ungesicherte Möglichkeit von Sozialität überhaupt" zu beziehen. "Insofern ist nicht der Disziplintitel und nicht der allgemeinste Gegenstandsbegriff der Disziplin, sondern eine die Disziplin konstituierende Problemstellung der allgemeinste semantische Bezugspunkt, über den die Disziplin verfügt." (Niklas Luhmann, Wie ist soziale Ordnung möglich?)

Niklas Luhmann hat - Talcott Parsons folgend und mit Vorbildwirkung zumindest für die systemtheoretische Tradition - die Frage, ‚wie soziale Ordnung möglich ist‘, als das einigende, Disziplin-konstituierende Bezugsproblem dargestellt. Von Thomas Hobbes ererbt, habe es die soziologische Theorie in Gestalt Durkheims, Webers und Simmels entscheidend reformuliert - indem sie nach den Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung fragt, wobei zum einen klar sei, dass diese immer da ist, es keinen Zustand sozialer Unordnung gibt, und zum anderen unterstellt wird, dass diese immer aktuelle soziale Ordnung gleichwohl 'unwahrscheinlich' sei. 
Das Ordnungsproblem muss nicht expressis verbis im Begriff der 'sozialen Ordnung' gestellt werden. Auch soziologische Theorien, die nach der Möglichkeit 'kollektiver Identität' fragen, nach 'Inklusion' oder 'Integration' versus Exklusion respektive Desintegration, können als Varianten des Ordnungsproblems verstanden werden; auch die Frage der Handlungstheorien, wie soziales Handeln; oder die der phänomenologischen und interaktionistischen Soziologie, wie Intersubjektivität 'möglich' sei, lässt sich als Variante des Ordnungsproblems verstehen: dann wird 'soziale Ordnung' mikrosoziologisch gefasst, als soziale Handlung, Wechselwirkung, oder als Handlungssystem zwischen Ego und Alter. Solche 'Bezugsprobleme' sind konzeptuelle Paare. Die Frage nach sozialer Ordnung (also: Gesellschaft) impliziert stets ein - je verschieden ausfallendes - Gegenbild der wahrscheinlicheren 'Unordnung' oder 'Nichtordnung'; die Frage nach kollektiver Identität (also: Gesellschaft) das der zunehmenden Differenz der Einzelnen wie auch und vor allem der sozialen Teilbereiche; die nach der Integration den wahrscheinlicheren Zustand der Desintegration. 

Es gibt indes weitere Kandidaten für Bezugsprobleme soziologischer Theorien, jenseits des Ausgangs von der Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung oder Integration. Hier ist jede Theorie sozialen Wandels zu nennen: statt Aufbau und Stabilisierung sozialer 'Ordnung' interessiert vielmehr, warum, woher und wohin sich eine gegebene 'Ordnung' (Gesellschaft) wandelt. Theorien sozialen Wandels sind oft evolutionistische Theorien, d.h., sie unterstellen dem Wandel, der Veränderung eine Richtung und einen Ausgangspunkt; sie unterstellen zudem etwas, das sich verändert - für sie ist der Wandel sekundär, etwas, was einer gegebenen Gesellschaft geschieht.

Im Gegensatz dazu kann von Theorien sozialen Werdens gesprochen werden, die noch ein anderes Bezugsproblem teilen, und zwar in ausdrücklicher Kritik am Ordnungsbegriff und seinem Gegensatz, der Unordnung. Solche Theorien nehmen die ständige und unvorhersehbare Veränderung, das permanente Anders-Werden der socii (Menschen, aber auch andere organische Körper und selbst Artefakte) zum Ausgang. Ihre Leitfrage ist dann eine doppelte: wie in der und trotz der stetigen Veränderung Kollektive existieren, wie sich Gesellschaften instituieren; und wie, durch welche Mechanismen sie andererseits immer wieder neu werden. An Stelle des sich ausschließenden Paars soziale Ordnung/Unordnung (Gesellschaft/deren Nicht-Existenz) steht also das ineinander verschränkte Paar stetiges Werden/je konkrete, momentane Fixierung (z.B. als zugleich instituierende und instituierte Gesellschaft bei C. Castoriadis). 

Um eine ganz anders, dezidiert praktisch angelegte Frage wiederum drehen sich alle Kritischen Soziologien: Wie ist eine bessere Ordnung, eine gerechte Gesellschaft möglich gegenüber der schlechten gegenwärtigen? Das Seminarbeschränkt sich demgegenüber auf die sozialtheoretischen Bezugsprobleme: soziale Ordnung, sozialer Wandel, soziales Werden.

Einführende Literatur:

Niklas Luhmann, Wie ist soziale Ordnung möglich? In: Ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik 2, Frankfurt/M. 1981, 195-207
Dennis Wrong, The Problem of Order. What Unites and Divides Society, New York 1994
Michael Hechter/Christine Horne, Theories of Social Order. A Reader, Second Edition, Stanford 2009
Armin Nassehi, Gerschlossenheit und Offenheit. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2003 (Kap. 'Zwei Bezugsprobleme')

Ulrich Bröckling, Christian Dries, Matthias Leanza, Tobias Schlechtriemen (Hg.): Das Andere der Ordnung. Behemoth A Journal on Civilisation 2014, Vol. 7, H. 1, 4-10